Immer mehr junge Deutsche sind der Meinung, dass der Pflegeberuf ausgesprochen unattraktiv ist. Das erklärt aber nur zum Teil den aktuellen Mangel an Pflegefachkräften. Momentan fehlen nach Angaben der Bundesregierung um die 50.000 Pflegefachkräfte. Wie kann dieser Fachkräftemangel behoben werden? Eine Möglichkeit: ausländische Pflegefachkräfte aus Kroatien, Albanien oder dem Kosovo anwerben. Doch können Pflegefachkräfte aus dem Ausland die riesige Lücke adäquat füllen?

Pflegeberuf muss attraktiver werden

Innerhalb eines Jahres will die deutsche Bundesregierung ein Maßnahmenpaket schaffen, damit der Pflegenotstand beseitigt werden kann. Jens Spahn, der Gesundheitsminister, Hubertus Heil, der Arbeitsminister, und Franziska Giffey, die Familienministerin, verwiesen dabei auf die geltende Arbeitnehmerfreizügigkeit, die innerhalb der Europäischen Union herrsche.

Ein weiteres Anliegen: Abschlüsse von Pflegefachkräften, die im Ausland erworben wurden, müssen schneller anerkannt werden. Die Ausbildung darf jedoch nicht schlechter als jene sein, die in Deutschland angeboten wird. Das heißt, ob ein Abschluss in München oder in Tirana gemacht wurde – das Niveau muss identisch sein. „Von Vorteil ist der Umstand, dass in Albanien oder im Kosovo die Pflegeausbildung weitaus besser ist, als wir alle denken“, sagte Spahn.

Eine weitere Maßnahme, die von Heil angesprochen wurde, befasst sich mit der Erhöhung der Löhne für Pflegefachkräfte. Diese sollen bis Mitte des kommenden Jahres deutlich mehr Geld verdienen. „Viele Pflegekräfte arbeiten jetzt ohne einen Tarifvertrag und verdienen zu wenig Geld. Innerhalb eines Jahres müssen wir jetzt dafür sorgen, dass ein Flächentarifvertrag geschaffen wird“, so der Arbeitsminister. „Wir sind jetzt gefragt, dass wir dafür sorgen, dass es demnächst mehr Pflegerinnen und Pfleger geben wird“, sagte Giffey. Die Familienministerin sprach sich dafür aus, die Arbeitsbedingungen verbessern zu wollen.

rau mit Europa-Fahne - Fachkräftemangel bekämpfen durch Pflegefachkräfte aus dem AuslandDer Plan, den die drei Minister verfolgen

Start einer Ausbildungs- und Informationsoffensive, die dafür sorgen soll, dass der Pflegenotstand bald der Vergangenheit angehören wird.

Von Seiten der Stiftung Patientenschutz wurden die Vorschläge der Bundesregierung begrüßt. „Wichtig ist, dass man jetzt praxistaugliche Visabestimmungen erarbeitet, sodass man auch qualifizierte Pflegefachkräfte aus dem Ausland bekommen kann. Jedoch darf man keinesfalls am Niveau der Sprachtests rütteln. Wer im Pflegebereich arbeitet, der muss die Sprache beherrschen.“, erklärte Vorstand Eugen Brysch.

Pflegefachkräfte aus dem Ausland: SPD kritisiert Spahns Pläne

Kritik gab es von Karl Lauterbach, dem Gesundheitspolitiker der SPD. „Unser Ziel kann nicht sein, dass wir die Pflegekräfte den anderen Ländern wegkaufen, denn auch dort gibt es nicht genügend Personal.“ Sein Appell: Koalitionsvertrag umsetzen, nicht immer neue Ideen präsentieren.

Eine schnelle Lösung für den aktuellen Mangel an Pflegefachkräften bieten die Erhöhung der Gehälter, Schaffung neuer Stellen und bessere Ausbildungsbedingungen in den Pflegeberufen jedoch nicht. Es benötigt Zeit, um neue, gut ausgebildete Pflegefachkräfte zu finden und auszubilden. „Die größte Herausforderung? Wir müssen Arbeitskräfte finden“, sagte Spahn. Schlussendlich gibt es heute schon um die 17.000 Stellen, die unbesetzt sind – Tendenz steigend.

Es gilt Lösungen zu finden, die nicht erst in einigen Jahren Wirkung zeigen

Dazu kann die Anwerbung von Pflegefachkräften aus dem Ausland gehören. In vielen anderen europäischen Ländern wie Kroatien und Albanien ist die Ausbildung in den Pflegeberufen deutlich besser als in Deutschland. Auch verfügen die Pflegefachkräfte aus dem Ausland dort über weitreichendere Kenntnisse und Kompetenzen. Sie dürfen beispielsweise auch medizinische Pflegeaufgaben wie das Setzen von Infusionen übernehmen, da sie dort eine Ausbildung zum Kranken- und Pflegehelfer absolvieren.

Als weitere schnelle und effektive Maßnahme sollen Menschen, die schon einmal im Pflegebereich gearbeitet haben, wieder zurückgeholt werden, Teilzeitkräfte sollen wieder zu Vollzeitkräften werden. „Es sind schlechte Arbeitsbedingungen, extrem niedrige Löhne und eine zu hohe Arbeitsbelastung, die den Pflegeberuf unattraktiv machen“, meint Sabine Zimmermann von der Linksfraktion, die von einem „hausgemachten Problem“ sprach.

Geht man nach der Meinung der Pflegewissenschaftler, so ist das Anwerben von ausländischen Pflegefachkräften jedoch nur ein kleiner Baustein, wenn es um die Behebung des in der Pflege vorhandenen Personalnotstandes geht. „Schlussendlich ist die Anwerbung derartiger Fachkräfte teuer. Zudem ist es auch extrem kompliziert, wenn es darum geht, Pflegefachkräfte aus dem Ausland zu finden, die dann in das deutsche Pflegesystem integriert werden sollen, damit man sie auch langfristig halten kann.“, erklärte Michael Isfort, die Vorstandsvorsitzende des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung.