In Deutschland leben über 1,4 Millionen Menschen, die an Demenz erkrankt sind, viele sind in einem Alter von über 65 Jahren. Je weiter die Erkrankung fortgeschritten ist, umso mehr verlieren Betroffene die Fähigkeit, Dinge mitzuteilen. In den meisten Fällen sind sie auch nicht in der Lage, eine Verbindung zwischen ihrem Körper und einem empfundenen Schmerz zu schaffen.

Sie empfinden z. B. Schmerzen an den Füßen, ziehen aber weiter zu enge Schuhe an, obwohl diese für die Schmerzen verantwortlich sind. Andererseits setzen sie unangenehme Empfindungen (Angst, Unsicherheit) mit Schmerzen gleich und reagieren dementsprechend.

Methoden, um Schmerzen bei Demenzpatienten zu erkennen

Auch wenn sich unter Demenz leidende Patienten vielleicht nicht mehr eindeutig zu ihrem Schmerzempfinden äußern können, so gibt es doch verschiedene Methoden, durch die man erkannt, ob und wie stark auftretende Schmerzen sind.

Zu den Methoden gehören z. B. die Schmerzbiografie sowie die Beobachtung des Patienten mit Hilfe verschiedener Schmerzerfassungssysteme wie der BESD-Skala (BESD = Beurteilung von Schmerzen bei Demenz), der ECPA-Skala (deutsch: BISAD) und der Doloplus-2-Skala.

Erkennen von Schmerzen durch die Schmerzbiografie

Um eventuelle Schmerzen bei Demenzkranken mit Hilfe der Schmerzbiografie erkennen zu können, ist es notwendig, die Krankheitsgeschichte der betroffenen Person möglichst genau zu kennen. Sie kann erste Einblicke geben, unter welchen Schmerzen der Patient vermutlich leidet, denn wenn der Betroffene beispielsweise bereits in jungen Jahren mit Arthrose, Rückenschmerzen oder anderen schmerzintensiven Krankheiten zu tun hatte, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Beschwerden auch weiterhin vorhanden sind. Die Schmerzbiografie gibt aber nicht nur Informationen zu früheren Krankheiten, sondern auch dazu, ob und wenn ja, welche Medikamente der Patient in welchen Dosierungen gegen die Schmerzen erhalten hat.

Solche Informationen helfen den Ärzten, ambulanten Pflegediensten und Pflegeheimen ungemein dabei, eine adäquate Medikation zusammenzustellen. Hier sind sie vor allem auf die Angehörigen angewiesen, denn sie sind in den meisten Fällen gut darüber informiert, welche Medikamente in welchen Mengen verschrieben und bisher eingenommen wurden.

Vor allem beim Gebrauch von rezeptfreien Medikamenten verfügen Angehörige häufig über mehr Informationen als der behandelnde Hausarzt. All diese Informationen ergeben in ihrer Ganzheit eine ausführliche Schmerzbiografie, die dabei helfen kann, die Schmerzen von Demenzpatienten möglichst rechtzeitig zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken.

Erkennen von Schmerzen durch Beobachtung

Leider erreichen Demenzpatienten irgendwann den Punkt, ab dem sie sich nicht mehr klar mitteilen können. Selbst einfachste Fragen nach ihrem Gesamtbefinden und eventuellen Schmerzen verstehen sie nicht mehr und sind auch nicht in der Lage, sie zu beantworten. In dieser Situation kann eine Beobachtung des Verhaltens hilfreiche Hinweise geben, denn auftretende Schmerzen führen bei Betroffenen sehr oft zu Verhaltensauffälligkeiten.

Leider deuten Ärzte und Pflegekräfte solche Verhaltensweisen nicht immer als die Folge Schmerzen, sodass eine angemessene Schmerztherapie noch zu oft nicht zum Einsatz kommt. Die in vielen Fällen verabreichten Beruhigungsmittel zwingen den Patienten immer weiter in den Teufelskreis der Schmerzen. Solche Fehleinschätzungen können vor allem durch Angehörige verhindert werden, weil sie den Betroffenen und seine Verhaltensweisen mit Abstand am besten kennen. Deshalb wird ihnen ein abweichendes Verhalten am ehesten auffallen. Folgende, abweichende Verhaltensweisen können durch Schmerzen hervorgerufen werden:

  • Aggressivität
  • Unruhe
  • Schonhaltung
  • Empfindlichkeit bei Berührung
  • Schlafstörungen
  • Appetitlosigkeit
  • Teilnahmslosigkeit
  • Schreien oder Stöhnen
  • Gesichtsausdruck wirkt ängstlich
  • Allgemeinzustand verschlechtert sich

All diese Verhaltensweisen oder auch Äußerungen des Patienten sollten von Angehörigen oder Freunden auf keinen Fall vernachlässigt und den Ärzten oder Pflegekräften mitgeteilt werden. Jede Information hilft, den Zustand des Patienten besser einzuschätzen. Dazu können die Ärzte auch sogenannte Schmerzskalen verwenden, mit deren Hilfe sie das Verhalten eines Patienten im Rahmen bestimmter Situationen und in Bezug auf eventuelle Schmerzen erfassen, festhalten und dann angemessen reagieren können.

Das Schmerzerfassungssystem der BESD-Skala

Durch die Zuhilfenahme der BESD-Skala kann man bezüglich eines eventuellen Schmerzempfindens die Atmung, die Mimik, negative Laute, die Körperhaltung sowie die Reaktionen auf Trost beobachten und deuten.

Diese fünf aussagekräftigen Verhaltensweisen bei einem Patienten helfen dabei, Erkenntnisse über empfundene Schmerzen zu erlangen. Bei jeder der Verhaltensweisen kann ein Wert zwischen 0 (keinerlei Reaktion) und 10 (stärkste Reaktion) vergeben werden. Die Skala lässt sich bei akuten und auch chronisch auftretenden Schmerzen im Verlauf (idealerweise jeweils im Zustand der Ruhe sowie während einer Aktivität) anwenden. Es wird eine Beobachtungszeit von jeweils zwei Minuten vorgeschlagen. Ab einem Wert von 2 ist davon auszugehen, dass der Betroffene unter Schmerzen leidet.

Schmerzerfassung durch das BISAD-System

Das Schmerzerfassungssystem wurde in Frankreich entwickelt. Mit ihm kann das Verhalten des Patienten unter zwei Gesichtspunkten analysiert werden. Man beobachtet den Patienten vor und während der Mobilisation. Dabei werden acht Parameter zu Rate gezogen und mit 0 bis 4 Punkten bewertet, wobei 0 Punkte für ein unverändertes Verhalten gegenüber der Normalsituation stehen und 4 Punkte für sehr auffälliges, abweichendes Verhalten vergeben werden. Das Schmerzerfassungssystem sollte von Personen angewendet werden, die die betroffene Person schon länger und besser kennen, denn man muss Vergleiche zu früheren Beobachtungen ziehen.

Die Doloplus-2-Skala bei Demenz

Eine weitere Methode, eventuelle Schmerzen bei Demenzkranken zu erkennen, ist die Beobachtung auf Grundlage der Doloplus-2-Skala. Sie fragt zehn Parameter ab, bewertet anhand zu vergebender Punkte von 0 (kein Schmerz) bis 3 (starker Hinweis auf Schmerzen) und berücksichtigt auch psychomotorische, somatische und psychosoziale Auffälligkeiten. Bei den Parametern handelt es sich um folgende:

  • Schmerzäußerungen (verbal)
  • Schonhaltung (in Ruhe)
  • Schutz schmerzhafter Körperregionen
  • Mimik
  • Schlaf
  • Waschen und Anziehen
  • Mobilität
  • Kommunikation
  • Aktivitäten (sozial)
  • Verhaltensstörungen

Anhand der vergebenen Punkte lässt sich mit großer Wahrscheinlichkeit ablesen, ob ein Demenzpatient unter Schmerzen leidet oder nicht.