Aufgrund der zunehmenden Multimorbidität in einer immer älter werdenden Gesellschaft ist es keine Überraschung, dass immer mehr Menschen mehr als fünf Medikamente pro Tag einnehmen. Doch die sogenannte Polypharmazie ist nicht ungefährlich.

Steht das im Einklang mit ihrer Lebensqualität?

Wechselwirkungen sind vorprogrammiert

Die Tatsache, dass der Mensch immer älter wird, lässt auch das Risiko für zahlreiche Krankheiten steigen: Bluthochdruck, Osteoporose, koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, Schlaganfälle, Prostatavergrößerung, Infektionskrankheiten durch eine immer schlechter werdende Immunabwehr oder Lungenentzündungen wie die Grippe können unbehandelt eine Gefahr für das Leben darstellen. – Heutzutage gibt es gegen (fast) jede Erkrankung das passende Medikament.

Da ältere Menschen oft an mehreren Krankheiten leiden, ist es extrem wichtig, dass die medikamentöse Therapie sorgfältig geplant und in weiterer Folge überwacht wird, sodass genau bekannt ist, wie die Medikamente wirken, und dass sie keinen Schaden anrichten. Auch wenn Medikamente bei älteren Menschen nicht anders als bei den Patienten im mittleren Alter wirken, sind es oft eingeschränkte Leber- oder Nierenfunktionen, die dafür sorgen, dass bei der Dosierung besonders Acht gegeben werden muss.

Generell besteht die Problematik, dass immer mehr Menschen zu viele unterschiedliche Medikamente einnehmen, sodass Wechselwirkungen vorprogrammiert sind. Hier helfen etwa die Herstellerangaben in den Fachinformationen, die Handreichungen wie die FORTA-Klassifikation oder die PRISCUS-Liste.

Ärzte verordnen Medikamente ohne wechselseitige Abstimmung

Je älter der Patient ist und je mehr Medikamente er einnimmt, desto größer ist das Risiko für eine stationäre Notfalleinweisung, weil es zu unerwarteten Nebenwirkungen gekommen ist. Eine Studie im „New England Journal of Medicine“ bestätigte, dass das Risiko unerwarteter Wechselwirkungen dann besonders hoch ist, wenn mehr als fünf unterschiedliche Medikamente pro Tag eingenommen werden.

Tabletten-Cocktail - Senioren nehmen zu viele MedikamenteEin Beispiel: Eine Patientin, die 89 Jahre alt ist und elf Diagnosen hat, nimmt im Zuge eines Spitalsaufenthalts wegen einer Rippenserienfraktur rund 17 Medikamente pro Tag ein. An dem Tag der Entlassung sind es zwischen 10 und 15 Medikamente.

Das Hauptproblem, warum derartige Mengen überhaupt entstehen, sind Weiterverordnungen der Haus- und Fachärzte, wobei hier eine wechselseitige Abstimmung fehlt. – Ein Problem, das viele Ärzte immer wieder ansprechen, das jedoch scheinbar von einer Vielzahl nicht berücksichtigt wird. Diverse Studien und Umfragen zeigen, dass 78 Prozent der Patienten in der Altersgruppe von 58 bis 87 Jahren, die eine kardiovaskuläre Erkrankung haben, mehr als vier Wirkstoffe pro Tag einnehmen; rund 9,3 Tabletten pro Tag nehmen jene Patienten ein, die schon über 80 Jahre alt sind.

Lebensqualität steht vor der Lebensverlängerung

Nicht immer ist die Vielzahl an unterschiedlichen Medikamenten tatsächlich zum Wohl des behandelten Patienten. Viele Substanzen würden zwar bei alleiniger Einnahme den gewünschten Erfolg bringen, in Kombination mit einer Vielzahl anderer Medikamente sind Nebenwirkungen und gefährliche Wechselwirkungen untereinander vorprogrammiert.

Experten sind sich einig, dass nicht jede Erkrankung mit Medikamenten behandelt werden muss. Das beste Beispiel ist etwa die Dysbalance im Fettstoffwechsel. Immer wieder erhalten Betroffene Medikamente, obwohl die potentiellen Folgen der Dysbalance nicht erlebt werden. Am Ende sollte die Lebensqualität im Mittelpunkt stehen und sich Ärzte untereinander zum Wohle des Patienten besser abstimmen.